Archiv März 2019

Trauer

Die alte Lissy, unsere erste Kuh und die Mutter aller Kühe, die bei uns leben ist im Alter von knapp 23 Jahren gestorben. Es gibt tausend vernünftige Gründe nicht zu trauern. Ich kenne viele davon und habe schon lange nicht mehr getrauert. Das letzte mal, dass ich von dem heftigen Gefühl von Verlust über den Tod eines geliebten Wesens übermannt wurde war im Alter von ungefähr 10 Jahren. Das war als meine Mutter nach hause kam und erzählte, unsere Katze sei eingeschläfert worden. Mein Bruder und ich wurde unmittelbar und gleichzeitig von einer unkontrollierbaren Dynamik ergriffen. Wir schrien und weinten und waren dieser Emotion hilflos ausgeliefert. Ich glaube unsere Mutter weinte sogar mit. Ich erinnere mich nicht mehr daran wie sie uns tröstete. Ich nehme an sie hatte sich wieder schnell im Griff. Es blieb bei mir die Überzeugung, dass es kindisch gewesen war so zu weinen. Seither habe ich solche starken, unkontrollierten Gefühle nicht wieder zugelassen. Nicht beim Tod meiner Großeltern, nicht beim Tod meiner Tante, auch nicht beim Weggang meiner Mutter, die zur Zeit im Endstadium von Alzheimer für mich nicht mehr erreichbar ist.
Am Wochenende durfte ich dabei sein, wie eine Mutter, die gerade ihr Neugeborenes verloren hatte, ihre Erlebnisse und ihre Trauer mit uns geteilt hat. Immer wieder wurde sie geschüttelt in Wellen von Weinen, Schluchzen und Zittern. Sie erzählte uns wie sie diese Trauer als innere Lebendigkeit erlebt, wie der Schmerz ein intensiver Ausdruck ihrer Verbindung zu der geliebten, verlorenen Tochter ist, wie er gleichzeitig ermutigt und auffordert noch mehr zu leben, zu lieben und zu feiern.
Wenn ich jetzt an unsere alte verstorbene Kuh denke oder an meine nicht mehr erreichbare Mutter, werde ich ergriffen von Wärme, die in mir hochsteigt mein Gesicht verzerrt und Tränen hervorquellen lässt. Es gibt tausend vernünftige Gründe nicht zu Trauern. Die sind mir jetzt alle egal, ich gebe mich dem Leben hin und weine.